Den Reichtum sichtbar machen

Wie können sich Organisationen, die auf viel freiwilliger Arbeit basieren, gesund entwickeln? Und wie kann der Reichtum (freiwilliger) Arbeit sichtbar gemacht werden?

Ein kleiner Hinweis: Diese Überlegungen beziehen sich auf Freiwilligenarbeit, ich wage aber mal zu behaupten, dass sie auch in bezahlten Jobs eine gewisse Wichtigkeit haben – dort spricht man dann von „nicht-monetären Anreizen“.

Organisationen wie die Unico-Schule, in deren Schulleitung ich bin, oder auch das Colearning Bern, das Marco Jakob mitinitiierte, basieren auf sehr viel freiwilliger und somit unbezahlter Arbeit. Die Unico-Schule bspw. wurde in rein freiwilliger Arbeit aufgebaut, getragen von einem gewissen Pionier-Geist. Ab August geht die Unico nun von der Gründungsphase über in den Schulbetrieb und damit werden einige Arbeiten auch entlöhnt. Dennoch werden und wollen wir auch auf unbezahlte Mitarbeit zählen – eine Schule ohne staatliche Unterstützung, die die Schulgelder dennoch möglichst tief ansetzen möchte, kann sonst gar nicht überleben. Die Finanzen sind aber nur ein Grund, warum wir auf Freiwilligenarbeit setzen und warum auch ich mich freiwillig engagiere: Ich bin überzeugt, dass die (Mit-)Arbeit in einem solchen Projekt einen grossen Reichtum mit sich bringt – und zwar einen, der weit über das Finanzielle hinausgeht.

Vor ein paar Tagen haben sich Marco und ich Gedanken dazu gemacht, wie wir in unseren Organisationen dazu beitragen können, das altbekannte System (Arbeit resp. Lebenszeit gegen Geld) noch weiter hinter uns zulassen und die Segel in Richtung einer gemeinschaftlicheren und bereicherenden Art des Zusammenwirtschaftens zu setzen. Basierend auf unseren Überlegungen möchte hier gerne aufzeigen,

  • warum es wichtig ist, dass wir den Reichtum freiwilliger Arbeit sichtbar machen – und zwar sowohl für unsere Organisationen als auch für deren Mitglieder;
  • wie der Reichtum der persönlichen Mitarbeit sichtbar gemacht werden kann.

Warum den Reichtum freiwilliger Arbeit sichtbar machen?

Warum engagieren wir uns freiwillig? Oft ist es wohl einfach ein Gefühl, das uns zu einem Projekt „Ja“ sagen lässt – und eigentlich braucht es ja auch gar nicht mehr als das Gefühl, dass unser Engagement so stimmig für uns ist.

Was aber, wenn sich das langsam verändert, ohne dass wir das in der Hektik des Alltages bemerken – und ohne, dass uns wirklich bewusst ist, was es genau ist oder war, das unser Engagement für uns stimmig macht(e)? Und was, wenn sich hinter unserem Engagement Annahmen und Implikationen verstecken, die für die andern nicht einsehbar sind und bspw. Erwartungen an die Zukunft miteinbeziehen? Im Sinne von „Ich habe mich so stark engagiert, jetzt sollte ich wirklich Anrecht haben auf die freiwerdende Stelle (oder auf sonst irgendeine Möglichkeit)“. Wenn sich das nicht mit den impliziten Annahmen anderer deckt, kann das freiwillige Engagement schnell in Frust kippen. Das ist weder für den Einzelnen wünschenswert, der meist viel Herzblut investiert hat, noch für die Organisationen selbst: Für sie sind gefrustete Mitarbeitende Gift und abrupte Abgänge ohne saubere Übergaben, wie sie in Freiwilligenorganisationen mangels Verträgen leicht möglich sind, können schnell bedrohlich werden.

Deshalb ist es für den Einzelnen wie auch für die Organisation wichtig, Klarheit zu schaffen bezüglich der freiwilligen Engagements ihrer Mitglieder:

Wie sind die einzelnen Mitglieder ressourcen- und wohlbefinden-mässig unterwegs? Entspricht das, was sie investieren, in etwa dem, was sie investieren wollen? Was nehmen die Einzelnen raus – und stimmt das so für sie?

Ein solcher Austausch kann ausserdem sehr verbindend sein, da man die anderen, ihre Motivation und ihren Hintergrund besser kennenlernt – und das stärkt den Zusammenhalt und den Team-Spirit.

Wichtiger Hinweis: In Organisationen wie der Unico-Schule, wo manche Arbeiten bezahlt sind (wenn auch nicht zu fürstlichen Löhnen), ist es unumgänglich, dass auch bezüglich der Finanzzahlen Transparenz herrscht!

Den Reichtum freiwilliger Arbeit sichtbar machen – ein Versuch

Ich möchte im Nachfolgenden gerne erläutern, wie wir an der Unico-Schule versuchen werden, den Reichtum unserer freiwilligen Arbeit sichtbar zu machen. Dieselben Überlegungen können natürlich auch für andere Organisationen gemacht werden - vielleicht einfach etwas anders illustriert ;o)

Die Mitglieder der Unico-Schulleitung treffen sich etwa alle vier Wochen zu einer Sitzung. Wir starten jeweils mit einer Check-In-Runde, die meist auch eine Befindlichkeitsrunde umfasst. Diese Einstiegsrunden möchten wir in Zukunft gerne etwas ausbauen zu einer „Unico-Balance“, welche den Reichtum unseres Engagements sichtbar machen und gleichsam sicherstellen soll, dass sich unser aller Engagement „in Balance“ befindet, so dass sich unsere Organisation gesund entwickeln kann. Diese Unico-Balance umfasst vier Schritte:

Schritt 1: Wohlbefinden/Ressourcen-Situation

Jeder überlegt sich, wie er im Rückblick auf den letzten Monat in der Unico und auch sonst im Leben in Sachen Wohlbefinden und Ressourcen unterwegs war (was war der Hintergrund, vor dem sein Engagement stattfand?) und hält das in Stichworten fest.

Schritt 2: Persönlicher Beitrag/Input

Jeder hält fest, was er im vergangenen Monat in die Unico investiert oder reingegeben hat und ob das seinen/ihren Erwartungen resp. Vorstellungen entspricht. Die Kategorien kann er hierbei selbst festlegen (Zeit, Energie, Geld, Materielles etc.).

Schritt 3: Persönlicher Gewinn/Output

Jeder überlegt sich, was er im letzten Monat rausgenommen hat und ob das seinen Erwartungen entspricht – und zwar auch wieder anhand von persönlichen Kategorien. So wird der Reichtum des persönlichen Engagements sichtbar gemacht.

Bei diesem Schritt möchte ich gerne etwas ausholen: Auch bei freiwilliger Arbeit gibt es einen Output, also Dinge, die man für sich rausnehmen kann - ganz altruistisch sind wir nicht! Dieser Mix ist natürlich bei jedem Einzelnen unterschiedlich: Freude, Beitragen zu etwas Sinnhaftem, Gemeinschaft leben, Lernen, Erfahrungen sammeln, Inspiration erfahren, Zugang zu einem Netzwerk erhalten, eine Vision umsetzen undundund… – Es ist gut möglich, dass es für den einen oder die andere zu Beginn etwas ungewohnt ist, sich selbst solche Fragen zu stellen, in diesen Dimensionen zu denken und auch darüber zu sprechen. Aber wenn wir das Gewohnte hinter uns lassen wollen, gehört Ungewohntes schlicht und einfach dazu!

Ich kann mir deshalb vorstellen, dass es zu Beginn Sinn macht, dass hierfür genügend Zeit eingeplant und den Einzelnen etwas Vorlauf geben wird, um diese Fragen für sich mal durchzugehen und zu klären.

Schritt 4: Die persönliche Balance
Anhand dieser drei Ebenen hält nun jeder Einzelne für sich fest, ob sein Engagement für die Unico im grünen oder eher im roten Bereich war und was er sich für den kommenden Monat wünscht (das können auch veränderte Rahmenbedingungen sein).

Wichtig: Dieses Blatt füllen bei der Unico alle Schulleitungs-Mitglieder aus – also auch solche, die einen Lohn beziehen, denn auch sie sind nicht für alle geleisteten Stunden bezahlt.

Zu Beginn erscheint mir wichtig, die einzelnen Punkte gemeinsam durchzugehen. Auch wenn das ein kleiner Zeitfresser ist, macht es wohl Sinn, hier in ein gemeinsames Verständnis zu investieren. Wenn sich das Ganze etabliert hat (und/oder wir es für unsere Bedürfnisse angepasst haben), können dann zu Beginn jeder Sitzung auch nur noch die Schritte 1 und 4 gemeinsam diskutiert werden. - Dieser gemeinsame Austausch ist aus verschiedenen Gründen wichtig: Zum einen wird so klar wird, was die Einzelnen brauchen, damit ihre Balance im „freudvollen“ Bereich bleibt (evtl. ist jemand überlastet mit der Workload, oder er/sie fühlt sich in der Arbeit eingeengt oder würde gerne etwas mehr lernen etc.). Und zum anderen kann so neben dem Team-Spirit auch eine gemeinschaftliche Kultur geprägt werden, in der klar ist, dass es auch Aufgabe der Gruppe resp. der gesamten Organisation ist, dass sich die einzelnen Mitglieder in ihrem Engagement wohl fühlen.

Den Reichtum der gesamten Organisation sichtbar machen?

Gerne möchte ich an dieser Stelle noch etwas weiterdenken: Wenn wir auf der individuellen Ebene bestrebt sind, den Reichtum der Mitarbeit sichtbar zu machen und damit die rein finanzielle Ebene hinter uns zu lassen, wäre es dann nicht auch wunderbar, den Reichtum der gesamten Organisation sichtbar zu machen? Wir sind oft verleitet dazu, in messbaren Mengen, das heisst in Zahlen und somit in Einnahmen, Ausgaben und Monats- oder Jahresabschlüssen zu denken. Wie aber könnten wir auch all das Lernen, die kleinen und grossen Freuden, die Inspirationen, den Wert der Gemeinschaft oder des Netzwerks etc. festhalten? Zusammen mit Marco haben wir die Idee einer Schatztruhe aufgebracht, in der der gesamte Reichtum einer Organisation – also alle Schätze, die während eines bestimmten Zeitraums anfallen – festgehalten werden. Das Colearning Bern hat diese Idee weiterentwickelt und wird nun monatlich alle Schätze sammeln – in einer Schatztruhe, in der die Ein- und Ausgaben nur ein Teil sein werden (in Form von Monopoly-Geld).

Vielleicht mag Marco oder einer der Junior-Colearner zu einem späteren Zeitpunkt mal von den Erfahrungen mit der Schatztruhe bloggen? Ich auf jeden Fall habe mir vorgenommen, in ein paar Monaten mal von unseren Erfahrungen mit der Unico-Balance zu berichten.

So sieht das gesamte Unico-Balance Sheet aus
So sieht das gesamte Unico-Balance Sheet aus