Ein neues Paradigma fürs 21. Jahrhundert?

Ich mag Sprache. Und Wörter. Und wie wir damit Wirklichkeiten kreieren und Botschaften vermitteln. Unter-richten, bespielsweise, finde ich ein ganz schreckliches Wort - eines, das aus meiner Sicht sofort aus dem Bildungs-Wortschatz gestrichen werden sollte. Dafür gefällt mir wunder-bar. Und auf den Unterschied zwischen kost-bar und wert-voll lege ich auch grossen Wert.

Gestern Abend habe ich diese Präsentation zum Thema “Starke Eltern, starke Kinder” von Gerald Hüther, dem wohl berühmtesten Hirnforscher Deutschlands, geschaut. Ich fand sie grundsätzlich sehr inspirierend, besonders geblieben ist mir aber sein Einstieg rund um das Wort gelingen resp. um ein gelingendes Leben.

Gelingen ist was anderes als erfolgreich sein

Laut Hüther brauchen wir den Begriff Gelingen, wenn es sich um etwas Lebendiges handelt und wenn es komplex ist - also bspw. eine Partnerschaft, Bildung oder eine Unterrichtsstunde. Befremdlicher Weise gibt es den Begriff aber so im Englischen nicht (und wohl auch auf Französisch oder Spanisch?)! Ein Amerikaner würde das mit to be successfull beschreiben - oder mit achieve (also mit erreichen, erzielen oder auch leisten).

Hüther erklärt den Begriff jeweils mit der Metapher eines Hefe-Kirsch-Kuchens, für den hausfrau/hausmann ihre/seine ganze Expertise braucht, um die richtigen Zutaten in der richtigen Reihenfolge beizugeben, um nicht zu viel und nicht zu wenig zu rühren und um den Kuchen bei der richtigen Temperatur richtig lang zu backen. Wenn er dann dampfend-duftend vor uns steht, ist er - im besten Fall - gelungen. - Und das ist eben nicht das well done aus dem Englischen - denn einen Kuchen kann man nicht machen, er kann nur gelingen.

Gelingen und Selbstorganisation

Hüther nennt Gelingen ein Geheimniswort, einen Schatz, der etwas beschreibt, was aus seiner Sicht das Paradigma des 21. Jahrhunderts werden wird und was er auf “Wissenschaftlich” oder “Biologisch” mit Selbstorganisation übersetzt. Das klingt in mir natürlich an, denn ich vertiefe mich gerade in Soziokratie (oder auf Englisch Dynamic Self Governance), um die Unico-Schule zu (selbst-)organisieren!

Hüther führt aus, dass sich alle lebenden Systeme (sei es Gehirn, Familie oder Gemeinschaft) selbst organisieren. Das heisst, dass sie die Beziehungen zwischen sich selbst selbst organisieren - und zwar so, dass möglichst wenig Energie verbraucht wird und dass sich das System selbst optimieren kann. - Klar, dass so was keiner machen kann!

Zum Gelingen beitragen

Aber was können wir denn machen, damit eine Partnerschaft oder eben Bildung gelingen kann? – Wir können den Schülern mit all unserer Kompetenz beistehen und den Rahmen schaffen, in dem Lernen gelingen kann – nicht mehr und nicht weniger. Denn genau das sagt das Wort Gelingen: Man kann es nicht machen, man kann nur dafür sorgen, dass es wird. - Und damit man dafür sorgen kann, braucht man ein inneres Bild davon, wie es denn sein könnte, wenn es denn gelungen ist. Und ich wage an dieser Stelle mal zu behaupten, dass wir alle in uns drin ein Bild davon haben, wie es sich anfühlt, wenn Lernen wirklich gelingt.

Et voilà: Genau das ist es, was wir mit unserem Pilotversuch wollen: Den Rahmen schaffen, damit Lernen gelingen kann - mit all unserer Kompetenz und im Wissen darum, dass das Gelingen nicht in unserer Hand liegt.