Selbstbestimmung - nur mit Mitbestimmung!

In meinem letzten Blog-Eintrag habe ich mit viel Herzblut für mehr Selbstbestimmung an Schulen plädiert – und nur ganz am Rande habe ich erwähnt, dass eine der Rahmenbedingungen für selbstbestimmtes Lernen Mitbestimmung ist. Im Folgenden möchte ich gerne darlegen, warum Selbstbestimmung und Mitbestimmung Hand in Hand gehen, warum Mitbestimmung so wichtig ist und wer in Sachen Schule alles mitreden können sollte.

Warum Mitbestimmung zu Selbstbestimmung gehört

Selbstbestimmung und Mitbestimmung gehören aus meiner Sicht zusammen, und zwar primär aus zwei Gründen:

  1. Reine Selbstbestimmung gibt es eigentlich nur bei sehr wenigen, völlig autonomen Tätigkeiten. Das meiste, was wir Menschen tun, tangiert den Handlungsspielraum anderer, weshalb es Regeln und Strukturen braucht. Wenn ich also Teil eines Systems bin (wie Familie, Schule oder Verein…), ist mein persönlicher Handlungsspielraum definiert durch die Rahmenbedingungen (Regeln und Strukturen), die dieses System mir setzt. Wenn ich diese Rahmenbedingungen nicht mitbestimmen und mitgestalten kann, kann es sein, dass mein individueller Handlungsspielraum in für mich wichtigen Aspekten eingeschränkt bleibt, ohne dass ich daran etwas ändern kann. Meine Selbstbestimmung bleibt auf der Strecke und ich bin resp. fühle mich fremdbestimmt.
  2. Wenn wir unsere Kinder nur Selbstbestimmung erfahren und einüben lassen, fehlen ihn die bereits heute wichtigen, in Zukunft aber wohl match-entscheidenden Kompetenzen, die Mitbestimmung mit sich bringt. Provokativ gesagt: Wir haben dann viele kleine Egos, die prima wissen, was sie können und wollen, die aber nicht gelernt haben, Teamplayer zu sein, Gemeinschaft zu leben und Verantwortung für mehr als für sich selbst zu übernehmen.

Was heisst Mitbestimmung?

Mitbestimmung heisst für mich,

  • dass ich meine Bedürfnisse in etwas Grösseres – also in ein System wie eine Gruppe, Klasse, Schule, Familie, Verein etc. einbringen kann;
  • dass ich die Bedürfnisse der anderen Gruppenmitglieder wie auch die externen Rahmenbedingungen anerkenne und wir gemeinsam nach Lösungen suchen, die für alle stimmig sind;
  • dass ich gleichsam Verantwortung für mich selbst wie auch für die Gemeinschaft übernehme - und ich deshalb nicht einfach mit dem Finger auf die anderen/das System zeigen und mich über all die Unzulänglichkeiten beschweren kann; ich bin Teil davon und habe die Kompetenz, Veränderungen und Verbesserungen zu bewirken.

Warum ist Mitbestimmung (in der Schule) wichtig?

Stellt sich die Frage, warum Mitbestimmung für unsere Kinder, für unsere Schulen und für unsere Gesellschaft so wichtig ist? – Natürlich weil Mitbestimmung Selbstbestimmung wie oben beschrieben komplettiert und komplementiert, aber es gibt noch andere Gründe, Argumente und Herleitungen – im Folgenden ein loses Sammelsurium:

  • Mitbestimmung ist ein Grundbedürfnis von uns Menschen – oder wie der chinesische Künstler Ai Weiwei es umschreibt: «Participation in a society is not an artistic choice, it’s a human need.»
  • Dank Mitbestimmung können wir die Weisheit der Vielen (wisdom of the crowd) nutzen und die Vielfalt der Beteiligten abbilden – das bringt farbigere, lebensnahere und nachhaltigere Lösungen!
  • Auch der Lehrplan21 legt einen Schwerpunkt darauf, dass Kinder Mitbestimmung lernen. Einer von drei Bildungsaufträgen an die Schule lautet nämlich: Die Schülerinnen und Schüler werden in ihrer Entwicklung zu eigenständigen Persönlichkeiten, beim Erwerb sozialer Kompetenzen sowie auf dem Weg zu verantwortungsvollem Handeln gegenüber Mitmenschen und Umwelt unterstützt.
  • Wie in meinem Plädoyer für Selbstbestimmung beschrieben, vermittelt unser Schulsystem den Schüler/innen das Credo learn to the test. Damit einher geht oft auch ein Minimieren des Aufwands, was nicht selten bedeutet, dass die Schüler/innen ziemlich viel kreative Energie darin investieren, die Schlupflöcher des Systems Schule aufzuspüren und bestmöglich auszunutzen. (Das ist natürlich auch eine Form von Lernen, aber ich bezweifle, ob es das ist, was wir unseren Kindern vermitteln wollen). – Wir Lehrer/innen finden uns dann oft (unfreiwillig) in der Position von Ordnungshütern oder Systemwächtern wieder: Wir reagieren mit Druck und drohen mit Konsequenzen oder Verweisen, was uns nicht immer leicht fällt, da wir wissen, dass Angst lernhindernd ist, da wir gleichzeitig auch eine Beziehung zu den Schüler/innen aufbauen möchten und da – das gilt zumindest für mich – wir es während unserer Schulzeit oftmals ähnlich gehandhabt haben. – Was wäre aber, wenn sich die Schüler/innen als Teil des Systems Schule sähen, da sie ebendieses mitgestalten können…? – Oder anders gefragt: Können die Schüler/innen die Ownership über ihren eigenen Lernprozess überhaupt übernehmen, wenn sie die Rahmenbedingungen nicht mitbestimmen können?
  • Die Zeit der individuellen Nutzenoptimierung ist vorbei – das zeigen uns globale Herausforderungen wie der Klimawandel ebenso wie die Tatsache, dass unser Wohlbefinden zu einem grossen Teil auf intakten Beziehungen basiert (wie der Bund jüngst titelte, werden wir aber immer einsamer werden). Wir sind nicht so autonom, wie wir uns das vorgaukeln! Der Begriff der Ubuntu-Rationalität, der auf Südafrikas Philosophie der Verbundenheit zurückgeht, beschreibt das ziemlich treffend: «Ich bin, weil wir sind, und weil wir sind, deshalb bin ich». – Oder wie es Silke Helfrich und David Bollier in ihrem sehr lesenswerten Buch Frei, Fair und Lebendig – die Macht der Commons mit dem Begriff der «relationalen Ontologie» umschreiben: «Der Einzelne erfährt Sinn, Bedeutung und Identität im und durch den Kontext von Gemeinschaften und Gesellschaften – und diese wiederum konstituieren sich durch das Gedeihen des Einzelnen.» Für unsere Zukunft ist es essentiell, dass wir ein respektvolles Miteinander lernen – und das geht aus meiner Sicht am besten (oder vielleicht auch nur?), wenn wir das von klein auf einüben.
  • Mitbestimmung heisst auch, Konflikte gemeinsam lösen. Wie erfüllend und wie schwierig das gleichzeitig ist, wissen wir Erwachsenen nur zu gut. Ich erlebe es immer wieder, dass wir daran scheitern, die eigenen Bedürfnisse wahrzunehmen, sie «gewaltfrei» in ein grösseres System einzubringen und die Strategien zur Erfüllung der Bedürfnisse mit anderen auszuhandeln – sei es als Paar, in der Familie oder im Arbeitsalltag! Viele von uns – ich eingeschlossen – verfallen oft in ein von Dualität geprägtes Denken und wollen Recht behalten resp. den eigenen Anspruch durchsetzen – wohl oft auch, weil wir es in der Schule und/oder Zuhause nicht anders gelernt haben.

Wer in der Schule alles mitbestimmen sollte

Wenn ich von Mitbestimmung in der Schule spreche, beziehe ich mich auf verschiedene Akteure: Nach meinem obigen Plädoyer offensichtlich sollte die Mitbestimmung der Schüler/innen sein. Ebenfalls offensichtliche Akteure sind aus meiner Sicht neben Schulleitung und Schuladministration (zusammengefasst als Schulorganistor/innen) auch die Lehrer/innen. Und last but not least ist es aus meiner Sicht auch wichtig, die Familien resp. die Eltern in die Schule miteinzubeziehen. – An dieser Stelle sehe ich bereits einige Lehrerkolleg/innen die Hände verwerfen: Die Eltern sollten in Sachen Schule mitreden können? Das muss ja im Chaos und in ausufernden Diskussionen enden!

Schule sollte aus meiner Sicht von folgenden mitbestimmenden Akteuren getragen werden: Schulorganisator/innen, Schüler/innen, Familien/Eltern und Lehrer/innen. Die Rahmenbedingungen geben das Volksschulgesetz und der Lehrplan21 vor.
Schule sollte aus meiner Sicht von folgenden mitbestimmenden Akteuren getragen werden: Schulorganisator/innen, Schüler/innen, Familien/Eltern und Lehrer/innen. Die Rahmenbedingungen geben das Volksschulgesetz und der Lehrplan21 vor.

Wie aus meiner Sicht die Mitbestimmung dieser verschiedenen Akteure - auch diejenige der Familien - funktionieren kann und welche Voraussetzungen dafür geschaffen werden müssen, darauf werde ich in einem nächsten Blog-Eintrag eingehen. An dieser Stelle möchte ich erst einmal aufzeigen, warum für mich der Einbezug der Familien und Eltern so wichtig ist.

Warum der Einbezug der Eltern und Familien so wichtig ist

Wie bereits in meinem Blog-Eintrag zur Selbstbestimmung mehrfach betont, brauchen Kinder zum Lernen ein von Vertrauen geprägtes Umfeld und tragende Beziehungen zu erwachsenen Bezugspersonen - nur so haben sie Kopf und Herz frei fürs Lernen. Damit sie in der Schule beides finden, müssen auch ihre Eltern hinter der Schule stehen – das heisst, sie müssen Vertrauen in die Lehrpersonen, die Schule und ins Schulsystem haben. Kinder haben feine Fühler für etwaige Dissonanzen.

Damit Eltern hinter der Schule stehen können, braucht es aus meiner Sicht die Möglichkeit zur Mitbestimmung. Eltern müssen Wege sehen, wie sie sich und ihre Bedürfnisse in die Schule einbringen und wie sie diese mitprägen können. Dieses «mitprägen können» ist explizit kein «müssen» - Mitbestimmung soll immer freiwillig sein! Und natürlich heisst das nicht, dass Eltern bei jeder Kleinigkeit mitreden sollen. Und es bedeutet natürlich auch nicht, dass Eltern die Erwartung haben dürfen, dass die Schule in allen Punkten nach ihrem persönlichen Gusto gestaltet wird! Aber ich bin überzeugt, dass sich Eltern viel besser mit der Schule identifizieren und sich als Teil davon sehen können, wenn sie die Möglichkeit haben, gehört zu werden, und wenn sie dazu beitragen können, dass ihre Einwände und Ideen eingearbeitet werden.

Ausserdem verhindert das blosse Aufzeigen von Wegen der Mitbestimmung, dass Eltern die Faust im Sack machen oder bei Missständen mit dem Finger auf die Schule/die Lehrpersonen zeigen – alle Beteiligten haben die Möglichkeit, die Schule besser zu machen!

Mitbestimmung in der VUCA-Welt

Mein Kollege Marco Jakob hat in seinem Blog-Eintrag «Schule in einer VUCA-Welt» aufgezeigt, wie Schule in einer Welt voller Volatilität, Ungewissheit, Komplexität und Mehrdeutigkeit (kurz: VUCA) relevant bleiben kann. Er argumentiert, dass analog zu Unternehmen nur Schulen, welche ihre Sensoren nach aussen in die VUCA-Welt richten, die wichtigen Veränderungsimpulse aufnehmen und so diejenigen Kompetenzen fördern können, die im Leben und bestenfalls auch in der Zukunft gebraucht sein werden. – Der Einbezug und die Mitbestimmung von Schüler/innen, Familien/Eltern (und natürlich auch von Lehrer/innen) stellt genau das dar, denn zusammen bilden sie mit ihren beruflichen, familiären und gesellschaftlichen Hintergründen einen nicht unbedeutenden Teil der VUCA-Welt ab.

Abschliessen möchte ich mit einem kurzen Plädoyer für mehr Selbst- und Mitbestimmung – und natürlich mit der Aussicht auf einen Blog-Eintrag, der aufzeigt, wie Mitbestimmung in Schulen gelingen kann.

Wenn ich Selbst- und Mitbestimmung leben kann, kenne ich zum einen meine eigenen Bedürfnisse (und Fähigkeiten, Wünsche und hoffentlich irgendwann auch meine Berufung) und ich habe zum anderen gelernt, diese in ein grösseres System einzubringen und somit für mehr als nur für mich persönlich die Verantwortung zu tragen. Und genau das wünsche ich mir für meine und für alle Kinder – und auch für die Zukunft unserer Gesellschaft und nicht zuletzt auch unseres Planeten.


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