Waiting for us: Das Paradigma der Digitalität

Medien wirken wie Paradigmen - und nicht wie Werkzeuge!

An der Schulkonferenz diese Woche zeigte Marco von der AG BYOD das Standbild des untenstehenden Videos zur «Teaching Machine» von B.F. Skinner (1954). Er verknüpfte es mit dem Wunsch, dass wir mit BYOD nicht die Vergangenheit reproduzieren (wie in der zweiten Minute des Videos ersichtlich wird), sondern zu einer modernen Didaktik finden.

Was ist moderne Didaktik? Oder: Nur kein Zurück zur Teaching Machine!

Da Marco mein Banknachbar war, konnte ich mir die Frage, was er denn unter «moderner Didaktik» verstehe, nicht verkneifen. «Das wissen wir nicht», meinte er, «und vielleicht können wir’s auch gar nicht wissen…?» Im Anschluss schickte er mir den link zu Axel Krommers Website und zu dessen Text Paradigmen und palliative Didaktik. Oder: Wie Medien Wissen und Lernen prägen. – Machen wir uns also gemeinsam auf die Suche nach möglichen Antworten.

Ich hab mich da durchgelesen und fand’s sehr inspirierend und lehrreich – und vor allem fand ich einmal mehr mein Bauchgefühl aus einem etwas anderen Blickwinkel und diesmal aus einer sehr hohen (kulturhistorischen) Flugebene beleuchtet, ausformuliert und bestärkt: Der Wandel, in dem wir uns befinden, bedarf mehr als kosmetischer Eingriffe; viel mehr – vielleicht sogar mehr, als wir zu ahnen vermögen. – Alles in allem also passender Stoff für einen Lernblog-Eintrag.

Axel Krommer zeigt auf, dass Medien als Paradigmen unser Denken und Handeln rahmen – also weit mehr sind als Werkzeuge. Und er beschreibt, wie die kulturhistorisch einflussreichsten medialen Paradigmen Kultur und Gesellschaft prägten und welchen grundsätzlichen Wandel die digitalen Medien mit sich bringen.

Ich möchte versuchen, den ersten Teil von Axel Krommers Diskurs zusammenzufassen – in wenigen eigenen und vor allem in seinen Worten* - und so mein Lernen festhalten:

Medien sind Paradigmen sind Rahmen

Medien sind für Axel Krommer nicht reine oder «neutrale» Werkzeuge, deren Zweck darin besteht, vorab festgelegte Unterrichtsziele zu erreichen – sie sind also nicht das, was wir in unserem Unterrichts-Jargon unter Medien verstehen. Medien wirken laut Krommer wie «Paradigmen» - also wie Theoriegebäude, die die anerkannten Probleme und Methoden eines Forschungsgebietes bestimmen und festlegen, welche Fragen sinnvollerweise gestellt werden können, welche Methoden erlaubt sind, um diese Fragen zu untersuchen, und welche Antworten als akzeptabel gelten.

Medien sind Paradigmen und Paradigmen eine Art Rahmen, die unser Denken und Handeln massgeblich bestimmen
Medien sind Paradigmen und Paradigmen eine Art Rahmen, die unser Denken und Handeln massgeblich bestimmen

Wie Medien als Paradigmen wirken, beschreibt Krommer am Beispiel des Übergangs vor der Festnetz- zur Mobiltelefonie. Wenn hier nur technische Geräte ausgewechselt worden und Medien wirklich neutrale Werkzeuge wären, bliebe Telefonieren Telefonieren. Doch mit dem Übergang zur nomadischen Smartphone-Kommunikation hat sich auch unsere Gesellschaft verändert. Krommer zeigt das exemplarisch am telefonischen Begrüssungs-Ritual auf: Während es beim Festnetz üblich ist, sich mit dem Namen zu melden (da der Anrufer weiss, wo er angerufen hat, aber nicht wer abnimmt), stellt das Handy das Ritual auf den Kopf: Hier ist klar wer abnimmt, nur nicht wo sich der Angerufene befindet.

Krommer versteht Medien also als Paradigmen und Paradigmen als eine Art Rahmen, der Denken und Handeln massgeblich bestimmt. Und er zeigt er auf, wie die kulturhistorisch einflussreichsten medialen Paradigmen Kultur und Gesellschaft prägten. Diesen Weg möchte ich verkürzt nachzeichnen:

Die kulturhistorisch einflussreichsten medialen Paradigmen
Die kulturhistorisch einflussreichsten medialen Paradigmen

Oralität: die Stimme als Medium (bis etwa 4000 v.Chr.)

Vor der Erfindung der Schrift war die menschliche Stimme das Leitmedium – und der zentrale Grundsatz lautete: «Du weisst nur, was du im Gedächtnis trägst». Das einzige Speicher- und Weitergabe-Medium war der Mensch selbst! Gefragt waren somit wirksame Mnemo-Techniken, ohne die Wissen nicht reproduziert werden konnte – und welche gleichsam Struktur und Inhalt formten.

Skriptografie: Die Handschrift als Medium (4000 v.Chr. bis 1500 n.Chr)

Die Schrift entstand aus der Notwendigkeit der Datenverarbeitung: Die Verwaltung der ersten Hochkulturen musste Wissen über einen längeren Zeitraum und losgekoppelt von menschlichen Wissensträgern speichern. Schreiben lernt(e) man nicht automatisch – hierfür braucht(e) es die systematische Unterweisung – und so wurde Lernen zu einer eigenständigen, institutionell organisierten Tätigkeit. Und: Während die Schrift eine Kommunikation jenseits von Raum und Zeit erlaubt(e), macht(e) sie aus einer lebendigen Sprache einen statischen Text, dem man als Objekt distanziert gegenübertreten kann und der den fehlenden Kontext durch grössere Genauigkeit kompensieren muss. Das Medium formte also auch hier Struktur und Inhalt.

Typografie: Die gedruckte Schrift als Medium (ab 1500)

Mit Gutenbergs Erfindung stieg die gedruckte Schrift resp. das Buch seit dem 15. Jahrhundert zum «konkurrenzlosen Medium der reinen Sprachlichkeit» auf. Da sich Zeichnungen oder farbige Bilder lange Zeit nicht so leicht vervielfältigen liessen, wurde die Jahrhunderte alte Tradition der Einheit von textlicher und bildlicher Ebene aufgelöst. Krommer spricht von Monomedialität und verweist darauf wie unzulänglich auch die exaktesten sprachlichen Beschreibungen bspw. im naturwissenschaftlichen Kontext sind, wenn sie nicht durch aussagekräftige Abbildungen ergänzt werden können. Und er hält fest: „Die strenge Linearität, der sequentielle Charakter der Satz-für-Satz-Darstellung, die Einteilung in Abschnitte, die Vereinheitlichung der Orthographie und Grammatik können in gewisser Weise auch als Methode zur Organisation des Denkens selbst verstanden werden.“ – Denke ich deshalb so strukturiert und analytisch…?!`?

Digitalität: Referentialität, Gemeinschaftlichkeit und Algorithmizität (seit gestern?)

Digitalität besteht laut Krommer aus drei Bestandteilen:

1. Referentialität

Bis anhin wurden Informationen zuerst von wenigen (von Verlagen oder Redaktionen) gefiltert und erst danach veröffentlicht - das war übersichtlich, schloss aber viele Menschen aus kulturellen Prozessen aus. Heute beteiligen sich immer mehr Menschen an kulturellen Prozessen und stellen eigene Bezüge her – sind also sowohl potenzielle Sender*innen wie auch Produzent*innen. Das ist unübersichtlich und zwingt uns, nachträglich zu filtern und auszuwählen – und das ist Referentialität: Wir brauchen sinnvolle Bezüge (Referenzen), um das Chaos neu zu ordnen.

2. Gemeinschaftlichkeit

Ein isoliertes Individuum kann sich in der digitalen Informationsflut nicht zurechtfinden. Wir brauchen Gemeinschaftlichkeit (bspw. in sozialen Netzwerken), um uns in der unübersichtlichen und widersprüchlichen Welt einigermassen zu orientieren.

3. Algorithmizität

Individuelle und gemeinschaftliche Formen der Referenzialität reichen noch nicht aus, um uns zurechtzufinden: Wir brauchen Algorithmen (oder müssen sie brauchen) – obwohl deren Grundlagen uns in den allermeisten Fällen verschlossen bleiben.

In diesem System vernetzter Fakten verändern sich auch die Kompetenzen, die wir benötigen, um uns Wissen anzueignen: Weil die institutionalisierten Filter wegfallen, gibt es bspw. keine «stopping points» mehr, an denen eine Recherche beendet werden kann.

Und auch die Struktur, die Speicherung und der Zugriff auf Informationen ändert sich. Es braucht heute keine Karteikarten mehr die (vereinfachende) Metadaten eines Buches enthalten – heute können alle Daten (also das gesamte Buch) gleichzeitig auch Metadaten sein und als solche auf der Informationssuche durchforstet werden. Oder in Krommers Worten:

Unter Bedingungen der Digitalität ähnelt die Struktur des Wissens nicht mehr einer wohlgeordneten Bibliothek, sondern eher einem Amazon-Warenlager: Hier werden die Artikel nicht – wie Bücher – nach bestimmten Kriterien (Produktkategorie, Größe etc.) sortiert, sondern – wie digitale Dateien – einfach abgelegt und über Metadaten auffindbar gemacht.

Und was heisst das jetzt für die Entwicklung der/unserer Schule?

Wir stehen also irgendwo inmitten einer Leitmedien-Transformation resp. eines Paradigmen-Wechsels; laut Krommer stecken wir mitten in einer «paradigmatische Krise». Und eine solche bringt Spannungen und Unsicherheiten mit sich (VUCA-Welt lässt grüssen!). Diese Spannungen zwischen der Buch-Schule und der Digital-Welt macht Krommer an ganz einfachen Beispielen sichtbar:

So setzt die Schule in der Regel immer noch auf Prüfungsformate, die einseitig auf den Paradigmen der Oralität und Skriptografie beruhen und strikt auf das isolierte Individuum ausgerichtet sind. Im Abitur gibt es hand(!)-schriftliche Examina und mündliche Prüfungen, für die der Leitspruch „Du weißt nur, was Du im Gedächtnis trägst“, gilt und in denen jeweils die Leistung eines einzelnen Menschen im Zentrum steht.

Mir erscheint es offenkundig, dass Schulentwicklung kein Austausch von «Werkzeugen» sein kann und darf (also: Wandtafel gegen Beamer/Visualizer, Bücher und Arbeitsblätter gegen Computer und Internet oder eben BYO-Devices), sondern dem neuen Rahmen resp. dem neuen Paradigma entsprechen und gerecht werden soll.

Grosse Fragen am Übergang zur Digitalität
Grosse Fragen am Übergang zur Digitalität

Aber geht das? Wenn ein Paradigma wie eingangs erwähnt ein Theoriegebäude ist, das die anerkannten Probleme und Methoden eines Forschungsgebietes bestimmt und gleichsam festlegt, welche Fragen und Methoden erlaubt und welche Antworten akzeptabel sind – können wir dann die richtigen Fragen stellen? Geben wir uns die Erlaubnis, neue Methoden auszuprobieren und unliebsame Antworten aufzubringen? Können wir aus unserem Paradigma-Rahmen heraus den Wert des Neuen überhaupt ermessen? – Oder anders gefragt: Kann sich ein System von aussen sehen resp. kann sich ein System selbst auf den Kopf stellen? Und will es das überhaupt können? – Und wie verhält sich hier das System Schule, in dem Veränderungen politisch und gesellschaftlich ausgehandelt werden müssen und deshalb – im Gegensatz zum System Wirtschaft – sehr langsam voranschreiten? –

Grosse Fragen, die nach grossen Antworten verlangen. Wir sollten uns ihnen stellen. Auch weil wir sonst nie herausfinden, was «moderne Didaktik» ist.


P.S. Im zweiten Teil seines Artikels beschreibt Krommer solch paradigmatische Krisen und die dazugehörenden teilweise irrationalen Beharrungstendenzen anhand der Übergänge von Oralität zu Skriptografie zu Typografie. Er spricht hier von palliativer Didaktik – aber das ist ein anderes Thema, vielleicht eines für einen weiteren Blog-Eintrag.

*Ich zitiere Axel Krommer an so vielen Stellen, dass ich nur die ganz expliziten Zitate als solche ausweise.