Wir brauchen eine neue Aufklärung!

Vivian Dittmar spricht in ihrem neuesten Buch über Transrationalität und die fünf Disziplinen des Denkens. Damit meine Ratio die Grundlagen versteht, hab ich ihr mit einem Schaubild nachgeholfen.

Aufklärung.
Wenn meine Schüler mich fragen, was aus meiner Sicht die wichtigste Erkenntnis ist, die sie aus meinem Unterricht mit ins Leben nehmen müssten, dann ist das für mich ganz klar die Aufklärung (und natürlich das darin verwurzelte Verständnis für den Wert einer Demokratie). Eigenständig denken und somit alternative Fakten, dubiose Websites, die Mechanismen perfektionierten Marketings und lautstarke Angst- oder Schönredner auf Herz und Nieren prüfen – das ist das, was ich mit Aufklärung verbinde und ihnen gerne auf ihren Lebensweg mitgeben würde.

Meist sind die Jugendlichen auch sehr zugänglich für das Thema und diesen prägenden Schritt, wohl auch, weil er ihnen so nah ist: weg von der magischen Welt der Kindheit, in der Störche die Babys bringen, hin zur aufgeklärten Welt von Jugendlichen, die über Sperma und Eizelle im Bilde sind. Mit der Einstiegs-Frage „Wer von Euch ist aufgeklärt?“ ernte ich meist nicht nur Kichern, sondern auch gleich das tiefere Verständnis dieses umfassenden Wandels, der sich nach dem Ende des Mittelalters anbahnte und der ab dem 18. Jahrhundert die Welt auf den Kopf stellte und ihr ungeahnten Fortschritt und Wohlstand brachte - nicht für alle, aber doch für viele.

Nicht irrational - transrational!

So sehr ich hinter all diesen Aussagen stehe und so sehr ich meinen Verstand schätze, ich komme jeweils doch nicht darum herum, meine SchülerInnen auch darauf hinzuweisen, dass das vielleicht doch nicht die ganze Wahrheit ist, dass uns mit unserem naturwissenschaftlichen Dogma irgendwie auch etwas verloren gegangen ist und dass die boomende Esoterik-Branche oder auch Klimaskeptiker wohl damit zu tun haben. Aber genau an diesem Punkt wurde mein Unterricht bis jetzt immer vage: Ich konnte nicht auf den Punkt bringen, was ich meinte.

Vivian Dittmar hat – in bester aufklärerischer Tradition – Licht in dieses Dunkel gebracht: Nicht alles, was unser Verstand nicht begreifen oder durchdringen kann, muss „irrational“ und somit quasi direkt im Mittelalter verankert und gleichsam widerlegt und überholt sein. Dittmar plädiert für eine „neue Aufklärung“ und umschreibt mit dem Begriff der Transrationalität den Bereich des Denkens, der jenseits des Verstandes liegt, und der gleichzeitig einen gut ausgebildeten Verstand braucht, um ihn betreten und bespielen zu können. Dittmar beschreibt in ihrem Buch „Das innere Navi“ fünf Disziplinen des Denkens. Die Ratio, also unser Verstand, ist nur eine davon; die anderen Disziplinen nennt sie Intuition, Inspiration, Herzintelligenz und Absicht. Und sie zeigt in ihrem sehr lesenswerten Buch auf, warum und wie wir diese fünf Disziplinen brauchen können, um in der heutigen Vuca-Welt stimmige Entscheidungen zu treffen.

Im ersten Teil ihres Buchs geht Dittmar auf grundlegende Überlegungen zum Thema Denken in unserem kulturellen Kontext ein. Um die praktischen Ausführungen zu den fünf Disziplinen einordnen zu können, erscheint ihr dieses „Verständnis“ wichtig. Und weil ich diese Einschätzung teile, mein Verstand beim Verstehen aber etwas Unterstützung brauchte, habe ich diesen ersten Teil in einem Schaubild festgehalten. Diese Übersicht möchte ich unten gerne teilen – auch wenn sie noch nicht in Reinform dasteht.*

Warum ist diese neue Aufklärung jetzt wichtig und warum sollten wir das verstehen?

Diese berechtigten Fragen werden sich meine SchülerInnen stellen - mir hoffentlich auch! Und weil sie so wichtig sind, möchte ich hier kurz darauf eingehen:

  1. Unser Verstand hat in unserer Kultur eine enorme Macht; er ist diejenige Denkdisziplin, die bei uns Wertschätzung erfährt und „geschult“ wird. Wir brauchen ihn und seine Macht für diesen grossen Wandel – und deshalb ist es wichtig, dass wir das alles auch mit der Ratio verstehen.
  2. So mächtig unser Verstand ist – er begrenzt uns auch. Wir als Menschheit und auch viele von uns persönlich stossen an Grenzen. Diese Grenzen müssen wir sprengen – und zwar heute. Und das geht nur, wenn wir dem Verstand mit seinen Mitteln und in seiner Sprache seine Grenzen aufzeigen.
  3. Die Entwicklung der künstlichen Intelligenz schreitet rasant voran. Deshalb müssen wir jetzt verstehen, was uns Menschen ausmacht – nur so können wir die Herausforderungen, die KI mit sich bringt, meistern, und all die damit verbundenen Chancen auch nutzen. Dabei sollte klar sein, dass KI keine Transrationalität kennt!

* Vivian Dittmar geht in ihrem Buch auch ausführlich auf die Rolle des Spürens und Fühlens ein. Diese Dimensionen hat sie bereits in ihren früheren Büchern thematisiert, weshalb ich das für mich nicht mehr zusammengefasst habe – was aber nicht heisst, dass besagtes Kapitel nicht ebenso lesenswert ist wie der Rest des Buches!


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